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Stellen Sie sich einmal vor:

Sie sitzen in einem Raum und mit Ihnen nur die engsten Vertrauten. Aus Angst sind die Türen und Fenster verschlossen. Sie tuscheln und flüstern über die Ereignisse der vergangenen Tage. Aber es weiß auch keiner so richtig, wie die nächsten Tage aussehen werden. 

passion 3111303 1920Dabei meine ich nicht die aktuelle Situation, in der wir uns befinden, denn sie kommt der Vorstellung doch schon sehr nahe. Nein, ich bin vielmehr bei den Jüngern Jesu, wie sie sich aus Angst vor den Juden eingeschlossen und vielleicht über die Ereignisse der vergangenen Tage geredet haben.

Doch ist es nicht erstaunlich, wie ähnlich beide Situationen sind? Wir sind zwar momentan aus anderen Gründen gezwungen, die meiste Zeit in unseren Wohnungen zu sein, aber dadurch, dass das Osterfest in diesem Jahr anders war, braucht es für uns vielleicht etwas länger, dass wir das Ostergeschehen begreifen.

Der Jünger Thomas, vielleicht ein besonderes Symbolbild für uns in diesem Jahr, kann es kaum glauben, dass Jesus auferstanden ist. Er braucht einfach seine Zeit, um dies zu verstehen und für sich annehmen zu können. Als er acht Tage später die Wundmale Jesu sieht, kommt er aber zum Glauben an die Auferstehung: Erstaunt kann er die Worte nicht zurückhalten, „Mein Herr und mein Gott!“

Schauen wir noch ein wenig zurück, so ist Thomas natürlich nicht der Einzige, der anfänglich Zweifel an dem Geschehen hat. Maria von Magdala sieht zwar das leere Grab, deutet es aber rein sachlich: der Leichnam ist weggenommen worden. Blicken wir auf Simon Petrus, so zeigt sich auch bei ihm kein Glauben, als er das leere Grab sah. Und auch die Jünger, die auf dem Weg nach Emmaus waren, brauchten ihre Zeit, bis sie Jesus erkannten und wieder glauben und hoffen konnten.

Doch Thomas wird immer wieder als Ungläubiger und Zweifelnder dargestellt, wodurch diese Figur einen negativen Beigeschmack bekommt. Aber ist Thomas nicht vielleicht vielmehr ein Suchender? Einer, der auf der Suche nach seinem ganz persönlichen Zugang zum Glauben ist?

Auch wir sind in Bezug auf unseren Glauben immer wieder Suchende und Fragende. Der Mensch möchte nun mal Dinge verstehen und begreifen. Das lag schon immer in seiner Natur. Die Kar- und Osterliturgie, die dabei stattfindenden Rituale und die biblischen Texte nehmen uns normalerweise in die Glaubenserfahrung des Ostergeschehens mithinein und helfen uns dabei, einen persönlichen Zugang dazu zu finden – anders allerdings in diesem Jahr. Denn wir konnten den Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag und die Osternacht nicht gemeinsam feiern.

Aus diesem Grund dürfen wir wie Thomas auf die Suche gehen und uns die Zeit nehmen, die wir brauchen, den eigenen Zugang zum Ostergeschehen und zu unserem persönlichen Glauben zu finden.

 

Es grüßt sie, im Namen des gesamten Pfarrteams,

Christian Bargel
(Gemeindereferent – Jugendseelsorger)

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